Inhaltsverzeichnis

⬅️ CENTOLOGIAx

RESPONSORIUM

Grundlegende Strukturen

Die Responsorien sind jener Teil des Gregorianischen Chorals, der bisher am wenigsten erforscht ist. Seit Frere am Ende des 19. Jh. ist nur wenig zu diesem Thema geschehen. Solesmes hat niemals ein „Nocturnale Romanum“ veröffentlicht. Erst im 21. Jh sind die Responsorien wieder zum Thema geworden.
2001 erschien das sogenannte „Nocturnale Romanum“, das sich die Neumen Hartkers zur Leitlinie nimmt. Im Internet http://gregofacsimil.free.fr sind die Responsorien von einem Kreis von Choralisten in Paris im traditionellen Stil von Solesmes publiziert. 2008 hat Kate Helsen zur Struktur der Responsoria prolixa dissertiert. Wir legen hier eine Analyse der Responsorien vor, die im Sinne Frere´s (Walter Howard Frere, Antiphonale Sarisburiense 1894, republished 1966) mit den
• heutigen Quellkenntnissen einerseits (es sollte außer Frage stehen, dass ohne Hartker als eine, wenn nicht die Hauptquelle, keine Aussage zum authentischen Choral gemacht werden kann) und andererseits den
• heutigen technischen Möglichkeiten das Thema neuerdings aufgreift.

Der Cantus Gregorianus ist nicht Musik, er ist Sprachkunst, das heißt die Responsorien sind nicht Melodien, an die ein Text adaptiert werden muss, sie sind auch nicht Text, der im nachhinein „vertont“ werden muss. Weder ist ein Text 'an adaptable' musikalische Phrasen anzupassen, noch ist der Text in einem 'artisitc process' auskomponiert (Frere). Der gesamte Cantus Gregorianus (vielleicht abgesehen von den Gradualien) ist „in stylo verbo-melodico“ verfasst, das heißt, es gibt keine schlichten Ur-Responsorien, die im Folgenden künstlerisch angereichert werden müssten. Ist die Textstruktur schlicht und normal, so ist auch die Sprachmelodie schlicht und normal. Ist die Textstruktur ungewöhnlich, so ist es auch die Melodie. Text und Melodie bedingen sich gegenseitig, ja sie sind das Selbe.

CENTONES RESPONSORIORUM

⬛️ - A - B - C - D - E - F - Ps
PR 1 🔘 TYP ➡️ 🔲 CENT 1A 🔲 CENT 1B 🔲 CENT 1C 🔲 CENT 1D 🔲 CENT 1E 🔲 CENT 1F 🔘 Ps 1
2 🔘 TYP ➡️ 🔲 CENT 2A 🔲 CENT 2B 🔲 CENT 2C 🔲 CENT 2D 🔲 CENT 2E 🔲 CENT 2F 🔘 Ps 2
DT 3 🔘 TYP ➡️ 🟥 CENT 3A 🟥 CENT 3B ⬛️ CENT 3C ⬛️ CENT 3D ⬛️ CENT 3E 🟥 CENT 3Ω 🔘 Ps 3
4 🔘 TYP ➡️ 🟥 CENT 4A 🟥 CENT 4B ⬛️ CENT 4C 🟥 CENT 4D ⬛️ CENT 4E 🟥 CENT 4Ω 🔘 Ps 4
TR 5 🔘 TYP ➡️ 🟥 CENT 5A 🟥 CENT 5B 🟥 CENT 5C 🔴 CENT 5D 🔴 CENT 5E 🟥 CENT 5F 🔘 Ps 5
6 🔘 TYP ➡️ 🟥 CENT 6A 🟥 CENT 6B 🔴 CENT 6C 🟥 CENT 6D 🟥 CENT 6E 🟥 CENT 6F 🔘 Ps 6
TT 7 🔘 TYP ➡️ 🟥 CENT 7A 🟥 CENT 7Ω 🟥 CENT 7C 🟥 CENT 7D 🟥 CENT 7E 🟥 CENT 7Ω 🔘 Ps 7
8 🔘 TYP ➡️ 🟥 CENT 8A 🟥 CENT 8Ω 🟥 CENT 8C 🟥 CENT 8D 🟥 CENT 8E 🟥 CENT 8Ω 🔘 Ps 8

Zur Centologie der Responsorien

Die Responsorien bestehen grundsätzlich aus jeweils 3 Perioden, die wieder je in zwei Teile zerfallen.
Wir nennen diese Teile Cento und benennen sie fortlaufend mit den Großbuchstaben
A - B
C - D
E - F
Die drei Perioden des Responsoriums entsprechen sehr oft den drei Schritten der Oration:
Anrede - Aussage - Bitte.
Anaklese - Anamnese - Epiklese

Damit zusammenhängend wiegen die Texte der 1. und 3. Periode grundsätzlich schwerer als der Text der 2. Periode. Die Centones B und F, die Schlüsse der 1. und 3. Periode, sind melodisch ident. In unserer Darstellung sind die beiden Centones der 2. Periode rund dargestellt, diejenigen der 1. und 3. Periode eckig.

Dominator domine / caelorum et terrae▪️
creator aquarum / rex universae creaturae tuae▫️
exaudi orationem / servorum tuorum▪️

Grundsätzlich wird immer eine dreiperiodische Struktur angestrebt, auch wenn 4 oder mehr Perioden möglich wären.

In zweiperiodischen Responsorien entfällt die 2. Periode. Meist eröffnet allerdings Cento C die letzte, nunmehr 2.Periode ( also A - B . C - F ) um die Verbindung der beiden Textteile auszudrücken. Sollen die beiden Texte von einander abgesetzt werden, so verwendet das zweiperiodische Responsorium die Centones A- B . E - F.
e.g.: 7637 vide et: 7721

Nun gibt es aber auch Texte die völlig anders strukturiert sind. Spätestens nun muss unterschieden werden zwischen der Position eines Cento und seiner sprach/melodischen Gestalt.

Manchmal sind die Texte einer Periode so lang, dass zwischen Incipit und Terminato der Periode ein weiterer Cento eingeschoben wird. Ihr Funktionsname (Positionsname) ist in der 1. Periode I, in der 3. Periode Y. In der 2. Periode kommt ein Einschub kaum vor (dann Positionsname U). Meist entsprechen die Einschübe einem der sonst üblichen Centones, wir bezeichnen sie dann mit Kleinbuchstaben, oder im Fließtext als interiectio.

Eine besondere Form speziellen Textstruktur gerecht zu werden, ist das seltene
• Interpositum (IP). In ein ansonsten 'conventional uniform' Responsorium wird eine ganze Zeile eingeschoben, die sich aber melodisch vom Rest abhebt. Damit ist dieser Text hervorgehoben und zur theologischen Hauptaussage erklärt. Ein Beispiel dafür ist der Text aus Hiob 2,10 und 1,21: 7673.

Si bona suscepimus / de manu domini▪️
mala autem / quare non sustineamus ▫️
dominus dedit . dominus abstulit . sicut domino placuit ♦️
ita factum est / sit nomen domini benedictum▪️.

Damit sind die wesentlichen äußeren Strukturen der Responsorien genannt. Ihre innere Grammatik wird in der Beschreibung der einzelnen Responsorien, der einzelnen Centones und den ihnen zugehörigen Tabellen ausgebreitet.

Drei alle Modi übergreifende Fakten seien jedoch bereits hier angesprochen: die
◼️ Haupt-CAD-Formeln, das sind die CAD-Formeln der Centones B und F ( = Ω ) sind durch das gesamte Repertoire gleich: zweisilbig, ohne Rücksicht auf Akzente, letzte Silbe Clivis zur Finalis.

CAD mega Im TR + TT vorletzte Silbe ScaSbpRes (6Töne) über die große Terz, im PR über die kleine Terz.
CAD dt Der DT benötigt wegen seiner mi-fa-Spannung eine eigene Formel: Trc mi-sol-fa, die letzte Stufe strophisch.

Eine Stufe tiefer, mit weniger Bestimmtheit, verwenden PR, TR und TT eine weitere CAD-Formel:
CAD micro Porrectus praepunctis = PorPrp, 4Töne (eigentlich ein TrcRes, dieser Name verschleiert allerdings seine Bedeutung, da der Name Trc einen leichten Anfang suggeriert.
Hier beginnen bereits die Varianten: im 1.Modus ist die CAD mikro viel häufiger als die CAD mega. Im TR verwendet der 5. Modus eine Form, die die Halbtonspannung mit einbezieht: „do-si-re-do-re“, während der 6. Modus die normale CAD mikro verwendet. Ebenfalls in PR, TR und TT gibt es seltener eine noch weniger gewichtete CSD-Formel, die
CAD mini, der CAD-Trc, wie er im Messrepertoire sehr häufig vorkommt.
Der DT kennt neben seiner CAD dt keine weiteren Abstufungen.

Die zweite allgemeine Eigenschaft des Repertoires betrifft alle CAD, nicht nur die Haupt-CAD, das
◼️ colon
Soll eine CAD-Formel nicht wirklich abschließen, sondern fragend enden, oder doch nach der Frage weiterführen, so wird im DT die Clivis fa-mi zum Pes mi-fa (strophisch mi-mi-fa; vulgo: Einklangsscandicus) umgewandelt e.g.: 7002 „omnis terra :“, 7417 „herodem :“. Ähnlich wird in den anderen Tonalitäten die Clivisbewegung umgedreht, (z.B. TT la-sol zu sol-la) e.g.: 7005 „meos :“ oder zum ScaFlx weitergeführt (sol-la-si-la) e.g.: 7044 „ignoro :“, 7003 „levavi:“.

Diese Doppelpunktformel (das Umdrehen der Clivis zum Pes) wird in den folgenden Listen aus Übersichtlichkeitsgründen nur im Text durch Doppelpunkt dargestellt und in den Noten vernachlässigt.

Es gibt weitere Möglichkeiten das colon darzustellen, diese werden an anderem Ort vorgestellt.

◼️ accentus
Variationen in der CAD-Neume, dem INCCAD (incipiens cadentiam), oder auch der prINCCAD (prae incipiens cadentiam) signalisieren, wo der Hauptakzent eines Cento liegt:
▪️ f accentus finalis. Der Hauptakzent, die Sinnspitze liegt am Ende des Cento
▪️ i accentus incipiens. Der Hauptakzent, die Sinnspitze liegt Beginn des Cento
▪️ if accentus incipiens et finalis. Sowohl am Beginn als auch am Ende des Cento liegt ein Hauptakzent, die zueinander kein Gefälle aufweisen.
Nicht alle Centones ordnen sich diesem System unter, auch die Unterscheidung PO - PPO kann entscheidend sein.


◼️ Normtext
Es ist nicht unser Ziel den Cantus Gregorianus zu restituieren. Der Cantus hat sich über mehr als ein Jahrtausend verändert, Zeitströmungen angepasst, wurde verändert (do-Revision), angereichert (plérosis), vereinfacht (Zisterzienserreform), im Repertoire erweitert und so fort. Wir erstellten einen Normtext nach codex Hartker und versuchen einen möglichst frühen Zustand des Cantus zu fixieren.
Wir berücksichtigen die Artikulation, den Sprachrhythmus wie er (nur) aus den ältesten adiastematischen Neumen ablesbar ist.
Die bisher gängigen Transkriptionen der Melodie stützen sich hauptsächlich auf die diastematischen Quellen des 12.Jh.
Der Versuch tiefer zu schürfen führte zur Handschriftenfamilie Benevent (Rupert Fischer forderte für die Restitution des Messrepertoires immer wieder ein, im Zweifelsfall eine einzige Quelle, Benevent, anzuwenden, um nicht ein eklektisches Patchwork zu schaffen).
Die Beschäftigung mit den Responsorien und damit die Unterscheidung der westfränkischen Tradition (MR + Wc) von der konservativeren ostfränkischen Tradition (H + Ka) führte zur Erkenntnis, dass bereits Bv19 manchmal von der do-Revision beeinflusst ist. Einzig die bis in die zweite Hälfte des 20.Jh völlig vernachlässigte Handschrift Tol 44.1 tradiert weitgehend treu die Melodie der adiastematischen Quelle Hartker entsprechend. Tol 44.2 bewegt sich bereits in die selbe Richtung wie Bv19.
Über den Vergleich der Handschriften hinaus, wie er durch Tableaus möglich ist, berücksichtigen wir auch den Formelvergleich, den uns die centologische Zuordnung der Melodie-Texte ermöglicht.

CENTONES RESPONSORIORUM

⬛️ - A - B - C - D - E - F - Ps
PR 1 🔘 TYP ➡️ 🔲 CENT 1A 🔲 CENT 1B 🔲 CENT 1C 🔲 CENT 1D 🔲 CENT 1E 🔲 CENT 1F 🔘 Ps 1
2 🔘 TYP ➡️ 🔲 CENT 2A 🔲 CENT 2B 🔲 CENT 2C 🔲 CENT 2D 🔲 CENT 2E 🔲 CENT 2F 🔘 Ps 2
DT 3 🔘 TYP ➡️ 🟥 CENT 3A 🟥 CENT 3B ⬛️ CENT 3C ⬛️ CENT 3D ⬛️ CENT 3E 🟥 CENT 3Ω 🔘 Ps 3
4 🔘 TYP ➡️ 🟥 CENT 4A 🟥 CENT 4B ⬛️ CENT 4C 🟥 CENT 4D ⬛️ CENT 4E 🟥 CENT 4Ω 🔘 Ps 4
TR 5 🔘 TYP ➡️ 🟥 CENT 5A 🟥 CENT 5B 🟥 CENT 5C 🔴 CENT 5D 🔴 CENT 5E 🟥 CENT 5F 🔘 Ps 5
6 🔘 TYP ➡️ 🟥 CENT 6A 🟥 CENT 6B 🔴 CENT 6C 🟥 CENT 6D 🟥 CENT 6E 🟥 CENT 6F 🔘 Ps 6
TT 7 🔘 TYP ➡️ 🟥 CENT 7A 🟥 CENT 7Ω 🟥 CENT 7C 🟥 CENT 7D 🟥 CENT 7E 🟥 CENT 7Ω 🔘 Ps 7
8 🔘 TYP ➡️ 🟥 CENT 8A 🟥 CENT 8Ω 🟥 CENT 8C 🟥 CENT 8D 🟥 CENT 8E 🟥 CENT 8Ω 🔘 Ps 8