⬅️ NEUMA x
EINSTUFIGE NEUMEN
Virga – Tractulus
In den St. Galler Handschriften werden grundsätzlich nur zwei Zeichen für den Einzelton verwendet: Virga (lat.: Zweig, Ast, Rute) und Tractulus (lat.: das kleine Gezogene).
Virga (Vrg): jeder höhere Ton / jede höhere Silbe
Tractulus (Trt): der tiefste Ton / die tiefste Silbe (ex parte post – ex parte ante = in Bezug auf den folgenden – den vorhergehenden Ton).
Vrg und Trt bei Hartker
Die Neumen sind aber kein Linien-Ersatz sondern Emotions-Notation. Daraus folgen ungewöhnliche Eigenarten.
Der tiefste Ton ist Tractulus, alle anderen Töne Virga, 0400 „captivi-tátem“ müsste also Tractulus sein, wenn diese Wort nicht das Schlüsselwort der Antiphon wäre, dazu noch die beiden Silben Akzent- und Schlusssilbe sind. Das Wort ist emotional gespannt, das kann nicht durch Tractulus dargestellt werden, daher doch Virga. Ebenso in 0383: „…et salvus ero domine“ = „…und ich werde gesund“.
Entgegen der gängigen Meinung über die St. Galler Handschriften hat Hartker sehr wohl eine unvollkommene Diastemie und setzt die Virga tiefer und höher, den Melodieverlauf darzustellen. Die Gefahr von Über- und Fehlinterpretation ist allerdings hoch. Bei gleich hohen Tönen vor dem Abstieg wird die letzte hohe Virga höher gesetzt, wie es ein guter Dirigent tut, der ein zu frühes Absinken der Stimme verhindern will „dóminus“. Bei „captivitatem plebis“ ist der gesamte Melodieverlauf aus den Neumen nachzuempfinden. Siehe auch 0383: „…et salvus ero domine“.
vide 0623 „quia per apostolum“
Vrg und Trt in Mont Renaud
Der Wechsel zwischen Virga und Tractulus geschieht nach den selben Regeln wie in St.Gallen. Mont Renaud zeichnet aber darüber hinaus den Tonhöhenverlauf durch längere und kürzere Virgen nach (unvollkommene Diastemie). Das gelingt zeitweise recht eindrücklich: „veniet“ - „alleluia“, manchmal nicht so sehr: „sancti eius cum eo“. Oder sollte die Verkürzung der Virga „cum“ gegenüber den vorhergehenden Silben „eius“ eine Rücknahme der Intensität anzeigen? Die Länge (?) oder Dicke des Tractulus zeigt sicher mehr oder weniger Gewicht der Silbe an: „veniet et omnes“.
Uncinus – Punctum
Was in E/C/H die Virga ist, ist in L der Uncinus, ein geschwungener Tractulus mit „Aufstrich“. Den Uncinus höher und tiefer schreibend wird der Tonhöhenverlauf in etwa nachgezeichnet (unvollkommene Diastemie).
Leichte, praetonische Silben werden mit Punctum dargestellt. Diese Möglichkeit haben die St. Galler nicht (mit Ausnahme manchmal in C), sie schreiben hier celeriter, oder setzen das Wissen um die Leichtigkeit der praetonischen Silben voraus.
Bv entspricht dem mit seiner Acuasta, e.g. CO 0688 Narrabo „mira-bilia“.
Die Virga in L kommt nur (?) als Teil einer Mehrtonneume als melodischer Höhepunkt vor (cf. Pes, Scandicus).
In praetonischen Kontexten kennt kennt auch C 0167 Punctum als Eintonneume, Bam sogar noch häufiger. H allerdings und E schreiben immer Traculus, bestenfalls einen sehr kurzen Tractulus.
Gravis
Der Gravis ist ein nach rechts fallender Tractulus. Er zeigt in den adiastematischen Handschriften einen besonders tiefen Ton an. E 0626 „super uno pec-ca-tore“.
Im AN-Repertoire kommt er häufiger vor (über 80x) z.B. 1326 „hic est enim“, „in-ter natos“, 0075 „Di-es domini“.
Sehr markant der Gravis in 0922 „Scitis“ Quint tiefer : senkrecht und beidendig episemiert.
In Ch kommt auch ein rechts aufsteigender Tractulus vor 0002 „Ad te levavi“.
In Bv zeigt das nach rechts fallende Strichlein nur an, dass der Ton davor höher war 0006 Bv33 „eius po-tentes“, „eius ad audiendam“, Das kommt aus der Schreibpraxis, bei absteigenden Tönen die Feder nach rechts zu drehen. Inwieweit eine Informationsabsicht dahinter steht, ist schwer auszumachen.
Wieder anders stellt sich die Frage in A + Y. Hier sind die Pünktchen/Strichlein wieder eher Ausdruck der Kurrenz, wobei die Aquitanier jeden tiefsten Ton mit Tractulus versehen.
Bivirga – Tristropha
Die Wertigkeit einer Silbe, auch wenn sie nur einstufig ist, kann vielfältig dosiert sein. In G und L kann ein Ton praetonisch / kurrent / leicht / normal / nicht kurrent / breit sein. Es wäre aber falsch diese Unterscheidungen definierend der kategorial zu verstehen. Sie sind keine absoluten Wertungen, sondern haben nur im Kontext das rechte Gewicht. Auch hier müssen wir uns vom modernen definieren verabschieden und mittelalterlich assoziieren. So sind E und L scheinbar nicht immer auf der selben Linie. Ch + MR kümmert hier der Silbenwert nicht (mehr); Virga und Tractulus sind melodisch relevant.
Die Bivirga und Tristropha zeigen reperkutierend den Mehrwert einer Silbe auf. Dabei kann man die Bivirga als die nicht kurrente Form, die Tristropha als die kurrente Form der Amplifizierung ansehen.
Bivirga urgens MR+Wc
Bemerkenswert ist die Tatsache, dass MR meist, Ch oft, L ebefalls nicht selten 0894 „pleni-tú-do“ die Bivirga als
Bivirga urgens notieren. Die traditionelle Chorallehre würde diese Neume als „Pes mit Amplifizierung auf dem oberen Ton“ bezeichnen. Diese Bezeichnung berücksichtigt jedoch nicht die Leichtigkeit des ersten Pes-Tones, der in E immer und in L meistens entfallen kann. Sie denkt vom Anfang an und bedenkt nicht, dass „eine Neume nicht mit dem ersten Ton beginnt“, sondern mit dem letzten aufhört. Mit dieser Neume ist die Grenze zwischen einstufig und zweistufig aufgeweicht.
Wc hat für die Bivirga urgens eine eigene, durchaus auffällige Graphie, z.B.:7698 „interce-de“, 7654 „ple-na“, 7409 „in sae-cu-lum“
Der Strophicus ist in L + Ch grundsätzlich endartikuliert, die Puncta werden mit Tractulus abgeschlossen. E gibt dem letzten der 3 Strophici nicht grundsätzlich, aber in artikulatorisch berechtigten Fällen ein Episem. Wir notieren das durch eine Rhomba an Stelle des letzten Strophicus.
Tristropha im melodischen Kontext
Die QUADRAT-Noten
Die Virga von St.Gallen und der Uncinus von Laon werden, wie üblich als Quadrata übertragen.
Die leichten praetonischen Silben von L (und C) werden als Rhomba notiert.
Die episemierte Virga, vor allem im AN-Repertoire, steht meist auf der Endsilbe eines Satzteiles und gliedert so (an Stelle einer divisio), fast ebenso häufig betont sie, breitet sie Akzentsilben aus. Die episemierte Virga schreiben wir als Quadrata mit Hals (Virga).





