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NEUMA
Eine Neume (griech.: Wink, das Zunicken) ist das Handzeichen, mit dem der Scholaleiter anzeigt, welche Art von Silbe zu singen ist. Eine Neume ist also eine Silbe, egal wie viele „Töne“ oder Stufen diese Silbe hat. Davon abgeleitet bezeichnet man das schriftliche Zeichen für eine Silbe als Neume, vor allem bei den adiastematischen Handschriften des 10. und 11. Jahrhunderts. Sobald die Neumen auf Linien gesetzt werden und ihre artikulatorische Aussage verlieren, ist die Bezeichnung der Noten als „Neume“ fragwürdig und eher museal.
Neumen werden üblicherweise nach ihrer Tonanzahl definiert, was nur dann sinnvoll wäre, wenn die Töne gleich lang wären, wie es der Äqualismus des 20. Jahrhunderts (Solesmes) postuliert hat. Seit auf Grund der Neumen von St. Gallen und Laon der Äqualismus überwunden wird, und ein nicht taktierendes sondern sprechendes Singen Platz greift, das den Unterschied zwischen kurrenten und nicht kurrenten Neumen akzeptiert, sodass eine „episemierte Virga“ (Eintonneume) je nach Kontext sogar länger dauern kann als eine „Tristropha“ (Dreitonneume), ist die Tonanzahl als Maß der Neume obsolet. Die Tonanzahl einer Neume zum Maß zu nehmen ist so zielführend, wie das Gewicht der gesprochenen Silben nach ihrer Buchstabenanzahl zu werten. Wir gehen von den TONSTUFEN aus (und selbst das kommt bald an seine Grenzen).
| 1️⃣ einstufige Neumen | Viga Tractulus Punktum - Uncinus |
|---|---|
| 2️⃣ zweistufige Neumen | Pes Clivis |
| 3️⃣ dreistufige Neumen | Scandicus Torculus Porrectus Climacus |
| 4️⃣ vierstufige Neumen | PesSbp TrcRes ClvSpp PrrFlx ClmRes |
| 5️⃣ fünfstufige Neumen | Circulatio |
| 6️⃣ sechsstufige Neumen | CAD mega, CAD TrcTrc |
| 7️⃣ siebenstufige Neumen | |
EINE NEUME IST EINE SILBE, alle „musikalischen“ Vorurteile sind wegzulassen. „Eine Neume ist eine Silbe, eine Silbe ist eine Neume“. Die Neume wird nicht durch das graphische Zeichen, seine „Noten“ – ihre optische Gestalt –, sondern allein durch die zu sprechende Silbe – ihre Klanggestalt – definiert.
EINE NEUME BEGINNT NICHT MIT DER ERSTEN NOTE, SIE HÖRT MIT DER LETZTEN NOTE AUF.
Die Anregung zu diesem Axiom ging von L. Agustoni aus. Als er bei den Gregorianikkursen in Essen von seinem seiner Meinung nach missglückten Lehrbuch von 1963/1968 sprach, stellte er fest: „Aber ich habe darin nichts Falsches gesagt – außer den einen Satz 'Eine Neume beginnt mit der ersten Note' – das ist falsch.“ Entgegen neuzeitlichem Denken haben wir frühmittelalterliche Strukturen (Melodien, Neumen) vom Ende her zu denken: „in finis iudicabitur“.
Einleitung Hradetzky-Marsch So wird Musik „modern“ gedacht: die musikalische Figur beginnt mit der ersten Note, mit der Note nach dem Taktstrich (????fehlt ein Tonbeispiel????). So ist die selbe Melodie „gregorianisch“ zu verstehen: die musikalische Figur hört am Schluss auf.
SINGEN SIE SCHMUTZIG, ERST WENN SIE SCHMUTZIG SINGEN, IST ES SCHÖN.
L. Agustoni hat mit diesem Satz bei den Gregorianikkursen in Essen ein grundsätzliches Problem zwischen romanischer und germanischer Denkweise angesprochen. Die Reaktion der deutschen Studenten ließ nicht lange auf sich warten: eine Minute vor Ende der Vorlesung, ein entweder – oder aus Zeitnot erzwingend, kam die Frage: „Ist das nun ein Ton oder nicht?“. Sprechende Melodien nach „Tonanzahl“ messen zu wollen (deutscher Klavierspieler-Zugriff), ist der falsche (neuzeitlich technische) Ansatz. Stufen, egal mit welcher „Schmutzigkeit“ erreicht (italienischer Violinisten-Zugriff), sind der bessere Ansatz Sprachmelodien zu verstehen.
Das hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis der Quellen und ihre Interpretation,
das stellt das etablierte System der gregorianischen Begriffe in Frage
und erfordert einen völligen Neuansatz, basierend auf den Erkenntnissen von Eugene Cardine, Rupert Fischer, Luigi Agustoni und Godehard Joppich.
• Grundsätzlich ist bei der kurrenten (jeder) Neume der erste Ton schwach: INITIO DEBILIS SEMPER. Dies entgegen dem romantischen Musikverständnis, wie es den Neumen Joseph Pothiers zugrundeliegt. Erst auf der Basis eines grundsätzlichen mehr oder weniger schwachen Anfangs jeder Neume, kann die spezielle Notation einer „Anfangsartikulation“ sinnvoll sein. Was beim Torculus specialis allgemein erkannt ist (wenn auch in der Praxis wenig rezipiert), ist auf alle mit Aufstieg beginnenden Neumen anzuwenden, speziell auf den kPes, aber auch auf den kTorculus.
• Quilisma und Oriscus sind zwei Zeichen, die in der Adiastemie eine helfende Funktion anstelle der fehlenden Linien haben. In der Diastemie sind sie überflüssig. Die diastematischen Schreiber, im Dilemma kein Jota und Strichlein auslassen zu wollen/dürfen, übertragen die unverstandenen Zeichen Oriscus und Quilisma dann doch als Ton, wenn manchmal auch an ungewöhnlicher Stelle: QUILISMA et ORISCUS NON SONANTES.
• Die „Liqueszenz“ hat nie einen (auch noch so kleinen) Nebenton. Die augmentative Liqueszenz breitet eine wichtige Silbe klanglich aus, die diminutive Liqueszenz kappt (z.B. die weiterführende Clivis) und staut. Ihre Aufgabe ist es, gerade diesen zweiten weiterführenden Ton zu verhindern: LIQUESCENS SINE SECUNDO TONO.
Diese drei Grundsätze unterscheiden unsere Restitution/Interpretation wesentlich von dem seit 150 Jahren gängigen Verständnis (opinio communis) davon, was Gregorianischer Choral sei.
Daraus resultiert aber auch eine geänderte Verwendung der Quadratnotenschrift. Die von Joseph Pothier auf Basis der Schreibpraxis im Anjou des 15. Jahrhunderts festgelegte Schrift spiegelt das Musikverständnis des 19. Jahrhunderts wieder und wurde bis heute nicht (Ausnahme Liqueszenzgraphien LH 1983) an neue Forschungsergebnisse angepasst. Das GN hat zwar Töne ausgebessert, aber das Notenbild (Neumengraphien und Gliederungen) unverändert gelassen. Das hält eine erhebliche, den Sänger behindernde Diskrepanz zwischen Neumen und Noten offen. Unser Quadratnotenbild versucht diese Diskrepanz zu verringern, die artikulatorischen Gegebenheiten der Neumen möglichst zu übertragen und die oben genannten Erkenntnisse anzuwenden. Dabei soll das Quadratnotenbild nicht überladen werden.
Auf Gliederungszeichen verzichten wir völlig und verwenden stattdessen Sinnzeilen.
