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⬅️ NEUMA x

ZWEISTUFIGE NEUMEN

Pes (tief - hoch) und Clivis (hoch - tief) sind zweistufige Neumen, Silben die auf zwei Tonstufen gesprochen/gesungen werden, egal wie groß das Intervall ist (SekundPes, TerzPes, QuartPes). Sie sind die Elementarbewegungen der Musik (L. Agustoni).

• Der Pes betont eine Silbe, regt auf, akzentuiert. (Pes, lat.: Fuß)
• Die Clivis beruhigt, enttont, verbreitert und verbindet. (Clivis, griech: clínein: lehnen, anlehnen)


Die frühen adiastematischen Hss „artikulieren“ die Neumen, das heißt sie unterscheiden zwischen nicht kurrent (nk) und kurrent (k). Beim nkPes sind beide Töne gleich gewichtig, beim kPes ist der erste Ton leicht, machmal so leicht, dass er in verschiedenen Hss ganz wegfällt und nur eine Virga, der obere Ton, übrig bleibt (s.u.). Man könnte einen solchen kPes auch als „Virga urgens“ bezeichnen.

Auch die Clivis unterscheidet „nicht kurrent“ und „kurrent“, allerdings gibt ihr grundsätzlich beruhigender Charakter der normalen Graphie bereits einen ruhigen, mittleren Wert. Eine kClivis wird in H mit zusätzlichem c (celeriter) geschrieben (ca.30% der Fälle). Die nkClivis hat ein Episem, sie wird mit einem „Zusatzzeichen“ dargestellt. H notiert bei der Clivis also 3 Kategorien: kurrent - mittlerer Wert - nicht kurrent. MR kennt diese Unterscheidungen nicht: es gibt nur ein einziges Zeichen für die Clivis.

Die adiastematischen Hss des Mess-Repertoires sind in ihren Möglichkeiten breiter gestreut. Neben den St.Galler Hss (statt H nun C+E) und MR (codex MR umfasst AN- und GR-Repertoire) geben uns auch L, Ch und das adiastematische Bv33, Zugriffsmöglichkeiten auf die gregorianische Artikulation, die ursprüngliche Sprechabsicht des Chorals.

Die ostfränkischen Hss = St.Galler Hss E (+C etc.) notieren durch „Veränderung des Zeichens“: rund = kPes, eckig = nkPes. Die westfränkischen Hss L+Ch+MR verwenden „Neumentrennung“. Die zwei Töne werden als zwei getrennte Zeichen geschrieben.

Bv+Ang kennen nur ein einheitliches Zeichen (verbunden) für den Pes. Allerdings bedeutet bei ihnen die Einrundung des Zeichens eine Rücknahme des ersten Tons; der Pes hat schwachen Anfang, er ist „initio debilis“ , auf halbem Weg zur Eintonneume = Virga(urgens).

Das Episem beim kPes in E ist nicht wirklich eine Zusatzinformation, es ist Erinnerung an die ohnehin selbstverständliche Endartikulation.

Auch die Clivis unterscheidet „nk“ und „k“, allerdings gibt ihr beruhigender Charakter der normalen Graphie bereits einen ruhigen, mittleren Wert. Eine kClivis wird in H mit zusätzlichem „c“ (celeriter) geschrieben. Die nkClivis hat ein Episem. H notiert bei der Clivis also 3 Kategorien: kurrent - mittlerer Wert - nicht kurrent.

In L und Ch ist die Clivis klar in 2 Kategorien geteilt: kurrent = Aufstrich+Abstrich verbunden; nicht kurrent = zwei getrennte Uncini in L bzw. zwei Tractuli untereinander in Ch. MR kennt diese Unterscheidungen nicht: es gibt nur ein einziges Zeichen für die Clivis,
ebenso in Bv+Ang. in St.Gallen können neben der Artikulation noch Zusatzinformationen mitgeteilt werden: Langer Abstrich bedeutet ein größeres Intervall. Das Episem am Ende der (k)Clivis erinnert daran, nicht achtlos über die Clivis hinweg zu singen. In L ist das augete zwischen den beiden Tönen eine bloß emotionale, nicht systematische Zutat.


PES

PES nicht kurrent (nkPes)

Der nkPes ist eine deutliche Akzentneume, beide Töne haben Gewicht. Sie ist gar nicht so häufig wie man vermuten könnte. In den alphabethisch ersten 12 Introitus kommt er nur in sieben mal vor.(e.g.: 0003 „auditiv et lae-tá-ta est sion“, 0004 „Á-qua sapientiae po-tá-vit eos“ etc. Es sind immer wichtige Akzente, aber nicht unbedingt emotionale Höhepunkte. CO 0599 „Ab occultis meis mún-da me domine“.

Bemerkenswert ist die Anhäufung des nkPes in der CO Adversum me 0601 als Ausdruck der Bosheit und Aggression. 9x nkPes in den ersten beiden Zeilen, den Pes quassus und den Quilisma-Pes nicht eingerechnet.

Pes disgregatus z.B.

Der Pes disgregatus ist ein nkPes vor allem in MR, der aus zwei Virgen besteht. Er bietet eine melodische Information: Der erste Ton dieses Pes ist höher als der Ton zuvor. In L und Ch wird er nicht verwendet. In der St.Galler Familie nur im Codex Bam.

In H kommt der Pes disgregatus nicht vor. Ausnahme ist 1280 „Fontes“. Hier ist der Pes disgregatus kein Melodie-Hinweis, sondern eine artikulatorische Festlegung.

Pes in MR Der Oriscuspes (Pes quassus) ist ein nkPes,

PES kurrent (kPes)

Das Problem
Eine der wesentlichen Konventionen der heutigen Musik (spätestens seit Klassik und Romantik) ist es, dass der musikalische Schwerpunkt auf 1, auf dem Textakzent, nach dem Taktstrich liegt. Dieses a-priori (Vorurteil) hat die Restauration des Gregorianischen Choral im 19.Jahrhundert bis heute geprägt; es gilt schon im Barock und der Renaissance nur eingeschränkt, gab es ja keine Taktstriche. Das Konzil von Trient (Palestrina, Editio mediceae), aber auch bereits die Zisterzienserreform des 12.Jahrhunderts stoßen sich daran, dass wichtige Silben nur auf einen Ton zu singen sind, während Nebensilben mehrere Töne tragen. Was die Zisterzienser vorsichtig und nur ansatzweise tun, wird in der Editio medicaea konsequent und brutal zu Ende geführt: die Melodien werden dem Musikverstand der Zeit und dem Text wie man ihn damals betonte entsprechend angepasst. Nicht nur, dass im Frühmittelalter hebräische Namen noch auf der Endsilbe betont wurden (Jerusalém) ist auch der Pes zum „mi“ allein durch den Zielton „mi“ bestimmt (0039). Der erste Ton des kPes ist so leicht, dass er nur als ein „portamento“, ein Anschleifen, keinesfalls als fixer Tonort darzustellen ist. Wäre er mehr, würde das Wort „Ierusálem“ heißen. Bestätigt wird diese Sicht der Neumen durch den kPes auf der Binnensilbe des Proparoxytonon (PPO).

Der kPes auf der Binnensilbe des PPO
Vor allem am Ende von Sätzen, aber auch in ihrem Inneren werden die Binnensilben des PPO (z.b.: „do-mí-nus“) mit einem kPes versehen. Wenn der erste Ton des „kPes“ so gesungen wird, wie es heute üblich ist: der erste Ton trägt das Gewicht der Silbe/Neume, so ruft es zu Recht die Kritik der Zisterzienser und des Tridentinum hervor: „do-mí-nus“ ist des zum Klang gekommenen Wort Gottes unwürdig. Nicht das Wort Gottes ist im Gregorianischen Choral schlecht vertont, sondern unser musikalisches Vorverständnis, aber auch schon des 12. Jahrhunderts entspricht nicht dem des 1.Jahrtausends. „Eine Neume/Silbe beginnt nicht mit der ersten Note, sie hört mit der letzten auf“

Der kurrente Pes ist in diesen und anderen Kontexten bloß ein portamento das die Vernachlässigung der Binnensilbe verhindern soll (beachte im französischen „dominus“, das, wenn nicht Gott gemeint ist, längst zu „domnus“ reduziert ist). Quer durch die Handschriften werden Proparoxytona (PPO) in rezitierenden Kontexten, das sind vor allem die Schlüsse, auf der Binnensilbe systemlos, ganz beliebig mit Einton oder mit kPes versehen.
Die Antiphon 0733 wird in einer der ältesten Handschriften, in MR, zweimal notiert: Die Binnensilbe des letzten Wortes „vocá-bi-tur“ wird einmal mit kPes, einmal mit Virga notiert. Die Austauschbarkeit/Beliebigkeit der beiden Zeichen im gegebenen Kontext ist offensichtlich. Unser moderner, schriftfixierter Ansatz …..

PES ein- bis dreitonig

Die Tonanzahl ist kein adäquates Maß die Neumen/Silben zu erklären, die Anzahl der Stufen schon: Der Pes ist eine zweistufige Neume/Silbe nach oben, ein- bis dreitonig.
Die Akzentsilbe, die durch einen 'Pes' dargestellt wird, kann Bestimmt sein (nk), flüchtig (k) sehr bestimmt (3tonig) oder sehr flüchtig (1tonig). Wie wenig das traditionelle Tönezählen den authentischen gregorianischen Fakten entspricht, wird an der Quint-Intonation des 1. Modus sichtbar. Die üblicherweise 'Scandicus mit vorbereiteter Endartikulation' (-23) genannte Neume wird in Ang neben der üblichen Graphie (kPes+Virga) mehrmals auch als eine Art Cephalicus mit folgender kPes-Bewegung notiert. Diese Neume kann schwerlich anders als die Unterdrückung des unteren Tones verstanden werden, ein Pes la-si mit Portamento vom re.

drei(mehr)toniger PES

dreitoniger Pes e.g.: „popule mé-us“ AN 0073 er ist ein Pes disgregatus, hier „fa“ und „sol“, dessen zweiter Ton ein zusätzliches Portamento erhält. Er is die stärkste Gestalt eines Pes.
Hierher ist auch der Einklangs-Salicus zu rechnen, er ist ein dreitoniger strophischer Pes, ebenso alle weiteren zweistufig aufsteigenden strophischen Neumen.

eintoniger PES

7082 „fecit mi-hi“ In den diastematischen Quellen wird der kPes zum eintonigen Pes. In 7742 „ibi éum vi-dé-bitis“ auch schon im Codex H.
Es geht nicht um das Schriftzeichen, sondern um das Klangereignis einer Silbe.
cf.: 0905 „tamquam o-vis“ H contra MR
0024 „et é-go“. in Bv, A, Y nur ein Ton. 0621 „fá-ciem“.Bv (Mod,Mp) ein Ton. • 0684 „cog-nós-ce“. Ch, E, Kl zwei Töne; L, Bv, A , Y ein Ton.

Der kPes, dessen erster Ton so leicht ist, dass er entfallen kann, könnte ebenso als Virga urgens bezeichnet werden, als Virga mit Portamento. Deutlich wird das bei der Bivirga: Je nach emotionaler Deutung durch die adiastematischen Handschriften erhält sie ein Portamento oder nicht. Dabei ist MR besonders freigiebig. Einige Beispiele:
• kein Portamento in 0011 „et de pe-tra“. Der Begriff 'petra' und die Einleitung durch Quartaufstieg verlangen trockene Sachlichkeit.
• nur MR verwendet Portamento: 0013 „clamave-runt“, 0034 „plebis“ + „us-que“,0003 „an-geli“, 0018 „e-ripe“, 0530 „quo-niam“.
• MR+L: 0019 „sa-git-tam“, 0945 „descen-den-tibus“.
• MR+L+E: 0006 „vir-tu-te“, nicht Ch.
• MR+L+Ch: 0012 „ge-mibus mortis“, nicht E (vide et „ex-au-di“).
• alle, einschließlich Kl: 0002 „a-nimam“


CLIVIS

Die Clivis (Clv) griech.: clinein: anlehnen, lehnen, sich neigen. Die Clivis ist in ihrer Normalform (Aufstrich und Abstrich) eine ruhige, beruhigende Neume und daher von mittlerem Wert. Die nicht kurrente Form ist oben mit Episem versehen, die kurrente Form mit celeriter.
Wir notieren kClv mit Rhomba und Quadrata, die mClv mit zwei Quadratae, die nkClv mit zwei Quadratae und Hals.

Die Clivis breitet aus und verbindet. cf.: 0002 „confi-do non e-rubescam“ etc.

Clivis terminatio debilis cf. IN 2.tonos der Psalmodie in den Bv Handschriften die zweite Silbe.
Clv initio debilis in L und Ch,

Dreitonige Clivis ad ex.: 7015 „luc-tum“

Clv cop

In ihrer weiterfürend- verbindenden Funktion steht die Clivis am Ende eines Centos.

Trigon

immer zwei gleich hohe Töne und meist fallende Terz.

Sandhove sitzt in NR p.[10],l.2 „quid“ der do-Revision in Ka. auf!

neumen/neuma2.1791465611.txt.gz · Zuletzt geändert: von xaverkainzbauer

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